Mai 16, 2011

Wasser


Immer hatten wir gedacht, sie könnte kein Wässerchen trüben, obwohl man schon vermutete, stille Wasser sind tief. Jedoch war sie von jeher nah am Wasser gebaut. Trotzdem waren wir der Meinung, niemand könnte ihr das Wasser reichen. Aber dann geriet sie vom Regen in die Traufe und sie konnte das Wasser nicht länger halten. Schnell verwässerten sich damals allerdings die Umstände und niemand konnte mehr den Ablauf rekonstruieren. Später rappelte sie sich wieder schluckweise, bis sie fontänengleich aus dem Wildwasser stieg. Aber es dauerte nicht lange, und sie brachte abermals das Fass zum Überlaufen, sodass kaum einer trocken blieb. Wie ein Fisch im Wasser wedelte sie im nächsten Sommer wieder über die Promenade und das Vergangene kümmerte sie einen feuchten Kehricht. Zwar wirkte ihr Blick beinah wässrig, doch war das vielleicht der diesigen Morgenluft geschuldet. Nach all den Eskapaden zitterte sie nun auf ihren Wasserbeinen und schaute sehnsüchtig nach dem Horizont. Aus ihrem Haar fielen silberne Wassertropfen tränengleich auf ihre Haut. Sie musste unglaublich durstig sein. Als man ihr einen Wodka reichte, verzog sie kaum eine Mine. Sie goss ihn die Kehle hinunter wie andere sprudelndes Quellwasser. Dann lenkte sie ihre Schritte zurück zur Klinik hinter den Dünen, um sich genüsslich dem Wellenbad hinzugeben. Am frühen Abend stand ihr schon wieder das Wasser bis zum Hals, doch an eine Umkehr in ruhiges Fahrwasser war nicht zu denken. Hier und da tauchte sie ihre Fingerspitzen in Dinge, die sie nichts angingen. Dass ihr eisige Blicke folgten, perlte förmlich von ihr ab. Offenbar hielt sie diese für schäumende Wellen der Bewunderung. Doch die einst uferlose Verehrung war längst mit den Gezeiten verebbt und in die dunklen Sphären der Tiefsee gesunken. Bis heute scheut sie ein reinigendes Gewitter wie der Teufel das Weihwasser.


März 28, 2011

perfekt


das alles ist noch eingepflanzt
in meinen wachen atem
ein heller irrtum
es sei ausgerissen
überwuchert
hingelassen
nach sieben regen eis und licht

das alles glaubte ich verloren
getaucht in reife kammern
mit seiden ausgeschlagen
netzumwunden
festgezurrt

nur einmal umgeblättert
dem welken grün mit geste salutiert
nimmt jener duft mich müde zu sich
und fruchtet
wo er nie erblüht

Februar 19, 2011

grenzland


du kannst es sehen. es ist bunt und duftet. kannst es hören. melodien malen dir bilder. wirklicher als regentropfen auf rissiger haut. du bleibst stehen. im visier die grüne brücke, über die du nie gehen wirst. du bist keine agentin, deinem schweigen zum trotz. niemand löst dich aus. zahlt für dich. weder hier noch auf der anderen seite. die schwäne am ufer kümmert es nicht. zur not werden sie fliegen. voraus auf dem berg die ampel blinkt dir den sehnsuchtscode. grenzland. jede verheißung vertraust du ihm an. doch betreten wirst du es nicht ohne verrat. 

dein spiegelbild in schwarz-weißem nebel. wer bist du? hinter der maske gehst du spazieren in wäldern. was du findest, nennst du beim namen. grenzland. sie vergaßen stufen zu bauen für dein puppenhaus. mit aufzügen fährst du in falsche etagen seither. dein oben wird unten und auf der hälfte nimmst du die bahn. einem vierten horizont entgegen. am kopfbahnhof steigst du aus. sie müssen rangieren. du gehst in die fremde stadt. hier bist du geboren. hinter fassaden schimmern paläste. in fenstern erkennst du wiegende tänzer. phantome halbieren die luft und feiern heimlich ein fest. ihre einladung hast du ausgeschlagen, aber du sagst es noch nicht. die freiheit nimmst du dir. lässt es zu, dass sie dich glücklich nennen und willst sie nicht kränken. beinah glaubst du ihnen, doch wächst dein verdacht. dann machst du tabula rasa und verlässt den gedeckten tisch. künftig wirst du alleine essen. kartoffeln mit schale und kümmel. dein gegenüber wischt sich den mund, immerhin. 

grenzland. du suchst einen garten und wartest am fluss. womöglich treibt er vorüber oder du nimmst eine düne in obhut. irgend festland im rücken. dann steht einer vor dir, barfuß, greift deine hand. er ist schön, ein versprechen. du glaubst, ihn zu kennen. ihr geht durch die dunkelheit. steigt einen turm hinauf, glasperlen im schein der schwarzen sonne zu sehen. stufen brechen ein unter euch und ihr lacht. ihr braucht kein zurück. doch schweift er ab, fragt dich nach feuer für seinen weg. du machst ihm licht, damit er nicht stolpert. schaust ihm hinterher und fürchtest dich nicht. du bleibst. 

grenzland. wach auf. vorbei dein heute. mit kusshand drehst du kalenderblätter und schlägst dir verstohlen den sand aus den augen. millionen breiten die flügel aus. eine kamera öffnet den weg über die brücke. du gehst, deine einfalt im handgepäck. auf der anderen seite empfängt dich fallendes laub. niemand hätte gedacht. du machst alberne sprünge. die gefahr scheint gebannt und du ahnst, es ist wahr.

März 01, 2010

für b.


augen aus blumenblauer trauer
dein haarbraun abends schwarz wie lakritz
du duftest nach kuchen
ratlos
und erzählst einen witz

am roten hemd eine borte
die hast du selbst genäht
mit tasten webst du einen teppich
ich lege mich auf ihn
und fürchte zu landen
warum sagst du spielen dazu?

schwer
steigst du in die pedale
segelst hinab
vielleicht an den see
die enten zu füttern

dreh dich nicht um

April 09, 2009

mahd


in hundert liegungen
das auge sturmlos beschlafen
versiegelt beugt sich die nacht gegen mühlenblätter

sichelflüge aus lockerer vorhand
fadenseidig halbieren sie wiegende halme 
brach liegt das enthauptete feld
vom falten der spielregeln blutet erdig sein mund

du verlautest die freiheit
wir lassen sie liegen bis morgen
denn immer ist jetzt

und kommt nicht wieder


April 01, 2009

erster april

nun schreiben wir einander briefe
sagen uns letztes
in flüchtigen noten

architekten wir
sammeln vorwände
für musterhaus
ohne dach und fenster

über der vorstadt lichte wolken der abendfeuer
nicht dran zu denken
wir säßen dabei

jedoch grünen die äste nur zaghaft
als trauten auch sie dem frieden nicht

erster frühlingshauch mit scherz
tröstet kein winterherz



September 01, 2008

haushüten


Ach, wär ich doch der Brombeerstrauch
in eurem Garten.
Still hockte ich
und Dornen schützten
vor Feind und Ungemach.

Einmal im Jahr käm eine sanfte Hand

und pflückte mir die süßen Perlen
aus dem Haar.

Dann gedieh aus mir ein Kuchen

für einen Nachmittag. 


Dezember 07, 2006

alter nachtwunsch


an leib und seele zittere ich, klappere, schlottere, von einem sturm hin und her gewürgt, gewrungen. unser reden, spekulieren ist unterstellen; wird zum einander beob- und endlich verachten. ich will nicht gezwungen sein in deinen kampf. und dabei heldisch mich fühlen, dass ich bestehe und nicht erneut anfalle – dich.

was ängstigt mich denn? meine oder deine ohnmacht – dein drohen, ja du drohst, du bedrohst, leise, mit worten, mit augenblicken, nicht mich, unsere freiheit aber.

etwas steht auf dem spiel. und was steht zur debatte? wir drehen uns, wir wenden uns ab. wir hatten lieder. jetzt drückst du auf wiederholung. und ich so klein. beide herzen mit weh, kein rezept, keine pille, therapieresistent.

dann gebete in luftarmen stößen. zu einem, der es richten soll. ich bitte, ich flehe, komm her und hilf! meine ruhe ist lüge, mein amen placebo. die wege trennen sich, und doch sagt die physik, sie werden einander irgendwo irgendwann wieder treffen. krümmt nicht die zeit den raum? niemals bis dato zog ich natur als rechtfertigung meiner argumente heran. kennte ich doch die musik - ich könnte warten.

angst – dies wird nicht heil werden. beschädigt. zernichtet. nun, die hoffnung. auch sie hat mal feierabend, und dann und wann einen festtag. da gibt man sich frei.

den weg laufen – säumten kirschbäume seinen rand und brombeeren – dann wüßt ich die richtung. himmel – ich seh ihn. und weiden, birken, kastanien. sanft beugen sie ihre zweige einander zu und hüten der nachtigall blaues rätsel.


sternenzelt du – deck mich zu.



November 05, 2006

spiegelung

Zurückgekehrt nach Tagen auf einer Insel glüht noch immer das südliche Licht in mir. Wahrhaftiger Luxus: Stunde um Stunde frei von Sorge, Not oder Schmerz gewesen zu sein.

Wieder und wieder Trost der steten Brandung, jeder Augenblick traf eine zarte Bewegung der Welt, ob Wellen, Sand oder Blüte, Katz oder Ziege mit Glöckchen, Bö oder salzigen Nebel.

Und hier? Und jetzt? Feuchtglänzende Schieferdächer, gelb gesäumt von Novemberblättern, darüber Himmelgrau. Mein Auge baut das Bild eines diesseitigen Ufers, gegenüber, die andere Straßenseite wird mir zur umwachsenen See, schuppige Dachtafeln flimmern wie windbewegtes Wasser und beinah segelt ein Boot vorüber.


Bald fällt der Schnee und ich werde eislaufen so nah vor dem Fenster.




Juli 15, 2006

vergeben

 
Wie nur ein einziger Buchstabe, eine kleine luftige Bewegung der Zungenspitze ein Deutungsuniversum verschiebt. Und über welche inneren und äußeren Umwege, über welche Ozeane, Wüsten, Wälder, Massive und Weiten wir geführt werden, um dann angekommen und gezielt zu sagen: vergebens, vergebens. Früh werden die Straßen gepflastert mit Geben und Gaben. Aber ja, die Gabe bezeichnet den Akt des Schenkens, wie also: Dieses hast du umsonst, ohne einen Preis zu zahlen, sieh, ich vergebe dir dies. Und am Abend erlaube ich dir, von dannen zu ziehen mit meiner Hingabe. Ich werde dir nichts berechnen.
Aber wird nicht doch ein Vertrag geschlossen? Liegt nicht in der vergebenden Geste eine hochmütige Bewegung, die den Beschenkten die Lider schließen lässt? Und erwächst vielleicht aus dieser Rührung der Impuls, sich für die grobe Erwartungslosigkeit zu rächen? Umsonst, vergeblich, schenkweise. Das lässt einer nur schwer auf sich sitzen. Das wird unerträglich. Das kann er nicht haben. Das kriegst du wieder. Dann schreiten sie zur nie erahnten Rückgabe ihrer Präsente. Und wiegen schwer in den Händen das jeweilige Gut. Jedoch, das bleibt vergebens. Gleiche Münzen gibt es nicht mehr, die Zinsen sind gestiegen, womöglich die Währung ersetzt oder sie heißt jetzt anders, und es geht nur noch Mund zu Mund statt Hand in Hand, die Zeiten sind längst vorbei. Tauschhandel - Ware gegen Ware, ich geb dir einen Wechsel, geh doch zum Pfandleiher. Vielleicht vergibt er dir unsere Schuld, denn geschenkt ist geschenkt und wiederholen ist gestohlen.