September 14, 2011

abhängigkeit


glieder
glieder an fäden
deine glieder an fäden geknüpft
glieder an fäden geknüpft und schritte im kreis
an fäden


augen
augen in höhlen
leere augen in höhlen gefangen
augen in höhlen gefangen und enge maschen
in höhlen


bühne
bühne im dunkel
verkaufte bühne im dunkel
bühne im dunkel und vorhang gefallen
im dunkel gefallen

September 13, 2011

einhalt


folgend
dem echo tonloser silben
vor stunden, eben oder tage zurück
räumtest du unser feld ohne verzicht

seitdem
   liege ich wiegend
     den mantel aus glas um die schultern
       gekrümmt auf ein bodenloses

   kriechen rinnsale wände entlang
     bleiben flügelfenster verhakt ineinander
       brennt glut entschlossen scheiben hindurch

in schwaden gehüllt
verweigere ich den anflug jeder kontur


August 28, 2011

haiku ii


mittsommer nachts blau 
federsänger dirigat - 
einander choral

August 26, 2011

Heimat


Steinplatten der unsanierten Straße
Bäume im Park von Sanssouci
Himmel meiner Stadt am Sommerabend
der braune Krug mit DDR im Boden
Pilze mit Petersilie
Suppenrezept der Mutter
und Großmutters alter Eierbecher

Heimat
im Sprechen meiner Brüder
in ihren Witzen und Ausreden
schwarz-weiße Kinderfotos
Bücher von Christa Wolf
und mein Kopfkissen

Juli 08, 2011

reise


ach, könnt’ ich schlafen und wandern
ohne zeit und begrenzung
über wiesen und inseln, auf berge, durch wüsten
könnt’ ich suchen und staunen
mit zwergen und riesen küsten entlang.

könnt’ ich sitzen an tischen
sprechen mit jedem und
sagen mir lassen das Eine.

könnt’ ich tanzen auf landkarten
spielte einer mir die melodie -
müsst’ ich nicht warten allein
zu reisen ins paradie.

Juni 04, 2011

senryū i


deine handschrift klagt
mit vermeintlicher frische 
auf wiedergutmacht


Mai 16, 2011

Wasser


Immer hatten wir gedacht, sie könnte kein Wässerchen trüben, obwohl man schon vermutete, stille Wasser sind tief. Jedoch war sie von jeher nah am Wasser gebaut. Trotzdem waren wir der Meinung, niemand könnte ihr das Wasser reichen. Aber dann geriet sie vom Regen in die Traufe und sie konnte das Wasser nicht länger halten. Schnell verwässerten sich damals allerdings die Umstände und niemand konnte mehr den Ablauf rekonstruieren. Später rappelte sie sich wieder schluckweise, bis sie fontänengleich aus dem Wildwasser stieg. Aber es dauerte nicht lange, und sie brachte abermals das Fass zum Überlaufen, sodass kaum einer trocken blieb. Wie ein Fisch im Wasser wedelte sie im nächsten Sommer wieder über die Promenade und das Vergangene kümmerte sie einen feuchten Kehricht. Zwar wirkte ihr Blick beinah wässrig, doch war das vielleicht der diesigen Morgenluft geschuldet. Nach all den Eskapaden zitterte sie nun auf ihren Wasserbeinen und schaute sehnsüchtig nach dem Horizont. Aus ihrem Haar fielen silberne Wassertropfen tränengleich auf ihre Haut. Sie musste unglaublich durstig sein. Als man ihr einen Wodka reichte, verzog sie kaum eine Mine. Sie goss ihn die Kehle hinunter wie andere sprudelndes Quellwasser. Dann lenkte sie ihre Schritte zurück zur Klinik hinter den Dünen, um sich genüsslich dem Wellenbad hinzugeben. Am frühen Abend stand ihr schon wieder das Wasser bis zum Hals, doch an eine Umkehr in ruhiges Fahrwasser war nicht zu denken. Hier und da tauchte sie ihre Fingerspitzen in Dinge, die sie nichts angingen. Dass ihr eisige Blicke folgten, perlte förmlich von ihr ab. Offenbar hielt sie diese für schäumende Wellen der Bewunderung. Doch die einst uferlose Verehrung war längst mit den Gezeiten verebbt und in die dunklen Sphären der Tiefsee gesunken. Bis heute scheut sie ein reinigendes Gewitter wie der Teufel das Weihwasser.


März 28, 2011

perfekt


das alles ist noch eingepflanzt
in meinen wachen atem
ein heller irrtum
es sei ausgerissen
überwuchert
hingelassen
nach sieben regen eis und licht

das alles glaubte ich verloren
getaucht in reife kammern
mit seiden ausgeschlagen
netzumwunden
festgezurrt

nur einmal umgeblättert
dem welken grün mit geste salutiert
nimmt jener duft mich müde zu sich
und fruchtet
wo er nie erblüht

Februar 19, 2011

grenzland


du kannst es sehen. es ist bunt und duftet. kannst es hören. melodien malen dir bilder. wirklicher als regentropfen auf rissiger haut. du bleibst stehen. im visier die grüne brücke, über die du nie gehen wirst. du bist keine agentin, deinem schweigen zum trotz. niemand löst dich aus. zahlt für dich. weder hier noch auf der anderen seite. die schwäne am ufer kümmert es nicht. zur not werden sie fliegen. voraus auf dem berg die ampel blinkt dir den sehnsuchtscode. grenzland. jede verheißung vertraust du ihm an. doch betreten wirst du es nicht ohne verrat. 

dein spiegelbild in schwarz-weißem nebel. wer bist du? hinter der maske gehst du spazieren in wäldern. was du findest, nennst du beim namen. grenzland. sie vergaßen stufen zu bauen für dein puppenhaus. mit aufzügen fährst du in falsche etagen seither. dein oben wird unten und auf der hälfte nimmst du die bahn. einem vierten horizont entgegen. am kopfbahnhof steigst du aus. sie müssen rangieren. du gehst in die fremde stadt. hier bist du geboren. hinter fassaden schimmern paläste. in fenstern erkennst du wiegende tänzer. phantome halbieren die luft und feiern heimlich ein fest. ihre einladung hast du ausgeschlagen, aber du sagst es noch nicht. die freiheit nimmst du dir. lässt es zu, dass sie dich glücklich nennen und willst sie nicht kränken. beinah glaubst du ihnen, doch wächst dein verdacht. dann machst du tabula rasa und verlässt den gedeckten tisch. künftig wirst du alleine essen. kartoffeln mit schale und kümmel. dein gegenüber wischt sich den mund, immerhin. 

grenzland. du suchst einen garten und wartest am fluss. womöglich treibt er vorüber oder du nimmst eine düne in obhut. irgend festland im rücken. dann steht einer vor dir, barfuß, greift deine hand. er ist schön, ein versprechen. du glaubst, ihn zu kennen. ihr geht durch die dunkelheit. steigt einen turm hinauf, glasperlen im schein der schwarzen sonne zu sehen. stufen brechen ein unter euch und ihr lacht. ihr braucht kein zurück. doch schweift er ab, fragt dich nach feuer für seinen weg. du machst ihm licht, damit er nicht stolpert. schaust ihm hinterher und fürchtest dich nicht. du bleibst. 

grenzland. wach auf. vorbei dein heute. mit kusshand drehst du kalenderblätter und schlägst dir verstohlen den sand aus den augen. millionen breiten die flügel aus. eine kamera öffnet den weg über die brücke. du gehst, deine einfalt im handgepäck. auf der anderen seite empfängt dich fallendes laub. niemand hätte gedacht. du machst alberne sprünge. die gefahr scheint gebannt und du ahnst, es ist wahr.

März 01, 2010

für b.


augen aus blumenblauer trauer
dein haarbraun abends schwarz wie lakritz
du duftest nach kuchen
ratlos
und erzählst einen witz

am roten hemd eine borte
die hast du selbst genäht
mit tasten webst du einen teppich
ich lege mich auf ihn
und fürchte zu landen
warum sagst du spielen dazu?

schwer
steigst du in die pedale
segelst hinab
vielleicht an den see
die enten zu füttern

dreh dich nicht um